Head
tilt / Schiefhals / Torticollis
(Stand
20.03.2005)
Die
Bezeichnung „Schiefhals“ steht lediglich für das
Symptom und wurde nach dem offensichtlichen
Krankheitsbild benannt: die Schiefhaltung des Kopfes.
Ursächlich können
eine Reihe verschiedenster Erkrankungen sein.
Diese
Erkrankung ist tückisch, weil sie nicht global gesehen
und einheitlich behandelt werden kann. Deshalb sollte
die Eingangsuntersuchung beim Tierarzt sehr gründlich
erfolgen. Sind traumatische Ursachen ganz sicher für
die aufgetretenen Symptome auszuschließen, so können
folgende Erkrankungen ursächlich sein:
Enzephalitozoon
cuniculi (E.cuniculi)
Ohreninfekte
Pasteurelleninfekt
Parasiten
Schlaganfall
Im
Zweifelsfall sollte Enzephalitozoon cuniculi ebenfalls
behandelt werden, da in den meisten Fällen eine
100-%ige Diagnose sehr schwierig ist. Hinweis: Die Texte
sind hinter den o.g. Diagnosen verlinkt. Durch
„anklicken“ können sie direkt abgefragt werden.
Ansonsten bitte weiter nach unten scrollen.
Bei
Fragen und akuten Fällen könnt Ihr uns auch gerne per
Mail (headtilt@web.de)
kontaktieren.
Von
einer Eigenbehandlung ohne Tierarzt bzw.
Selbstmedikationen ohne Abstimmung mit dem Tierarzt möchten
wir an dieser Stelle dringend abraten.
Enzephalitozoon
Cuniculi
Die
überwiegende Anzahl der Kaninchen, bei denen ein
head tilt diagnostiziert wird, erkranken an Enzephalitozoon Cuniculi, auch E.cuniculi
genannt. Es handelt sich hierbei um eine Infektion mit
einem Einzeller, der das Gehirn, das zentrale
Nervensystem und innere Organe angreift. Diese Krankheit
ist eine Zoonose, d.h. das erkrankte Tier scheidet
Sporen des Erregers aus, die andere Säugetiere
(Kaninchen, Meerschweinchen, Hunde, Katzen,
Menschen….) infizieren können. Die Sporen werden
durch den Kot und Urin ausgeschieden und so von anderen
Kaninchen aufgenommen. Sie gelangen durch den
Verdauungstrakt in den Darm, wo sie sich vermehren und
dann durch die Darmwände in den Blutkreislauf gelangen.
Die Antikörper gegen diesen Erreger können mittels
einer Blutuntersuchung nachgewiesen werden. Man geht
heute davon aus, dass bereits die Hälfte aller
Kaninchen Antikörper gegen E. Cuniculi aufweisen und so
positives getestet werden.
Doch ein positives Ergebnis heißt nicht zwangsläufig,
dass das Tier symptomatisch erkrankt oder ein akutes
Krankheitsbild durch den Erreger herbeigeführt wurde,
deshalb müssen andere Ursachen ausgeschlossen werden.
Erkrankt ein Tier in einer Gruppe, sollten die anderen
Mitglieder der Gruppe mitbehandelt werden und Hygienemaßnahmen
die Übertragung auf weitere Tiere verhindern. Ein
positiv getestetes Tier sollte niemals zu Zuchtzwecken
eingesetzt werden, da man von einer Infektion im
Mutterleib ausgehen muss! Gerade Hobbyzüchter und so
genannte „Vermehrer“ tragen leider zum weiteren
Ausbreiten dieser Erkrankung bei. Für Menschen ist der
Erreger nur eine Gefahr, wenn das Immunsystem geschwächt
ist (z.B. HIV-Infektion, Organtransplantierte etc.)
Anamnese
und Diagnostik:
Bei akuter Erkrankung kann Schiefhaltung des Kopfes,
Gleichgewichtsstörungen, Koordinationsstörungen
und/oder Lähmungserscheinungen der Beine auftreten,
manchmal auch nur für Minuten, dann erscheint das Tier
wieder „normal“, in manchen Fällen bleibt der Kopf
auch gerade. Auch werden mitunter verzögerte
Pupillenreflexe, Nystagmus (Augenzittern), Linsenruptur
sowie Eiweißausschüttungen im Auge beobachtet, die im
fortgeschrittenen Stadium möglicherweise ein Entfernen
des betroffenen Auges erforderlich machen. Mit
fortschreitender oder auch unbehandelter Erkrankung
verschlimmern sich die Symptome, werden die Lähmungen
ausgeprägter und das erkrankte Kaninchen fällt um,
überschlägt sich, krampft um die Längskörperachse.
Der Erreger kann außerdem schwere Schäden an den
inneren Organen verursachen. Zur Diagnose sollte ein
Bluttest, der sogenannte Tusche-Test, und ein
allgemeines Blutbild erfolgen. Hierzu wird am Ohr Blut
entnommen und analysiert. Der Tuschetest wird gerade
durch eine andere Methodik abgelöst – das Prinzip, nämlich
der Antikörpernachweis gegen E. Cuniculi ist dabei
identisch. Der neue Test ist lediglich einfacher
durchzuführen und zu interpretieren. Generell wird
dabei das Blut (besser gesagt: Serum) in
unterschiedlichen Verdünnungen getestet. Je höher verdünnt
noch positive Reaktionen nachweisbar sind, umso stärker
positiv ist das Tier. Zusätzlich kann ein Urinstatus
den Verdacht einer akuten Erkrankung stützen, da
erkrankte Tiere oft erhöhte Nierenwerte haben. Die
Behandlung sollte bei Verdacht in jedem Fall unverzüglich
beginnen, unabhängig davon, wann das Blutergebnis
vorliegt. Das Allgemeinbefinden ist meist ungestört und
der Appetit erhalten.
Behandlung:
Wenn im Erkrankungsfall die Diagnose
auf E. Cuniculi lautet, bildet eine Kombination aus
einem Anti-Parasitikum, Antibiotikum und B-Vitamin in
der Akutphase eine Art „Standard-Behandlung“. Diese
verspricht zur Zeit den größtmöglichen
Behandlungserfolg.
Anti-Parasitikum
(Wirkstoff: Albendazol, Fenbendazol) über einen
Zeitraum von 28 Behandlungstagen. Praktischer Hinweis:
„Panacur 10%“ (Wirkstoff Fenbendazol) gibt es flüssig
als Suspension, somit leicht zu dosieren und zu
verabreichen. Empfehlenswert ist eine Dosierung von 0,2
ml je kg Körpergewicht.
Die meisten Tierärzte werden zusätzlich
ein Antibiotikum (Tetracyclin, Chloramphenicol,
Benzylpenicilline), das die Blut-Hirn-Schranke überwindet,
einsetzen, um einen möglicherweise vorhandenen
Infektionsherd mit abzudecken, was in der Regel zu einer
schnellen Stabilisierung des erkrankten Tieres führt.
Wichtiger Hinweis: Baytril als Antibiotikum scheint
ungeeignet.
Vitamin-B-Komplex
zur Regeneration der Nerven: 1 ml in der ersten Woche
der Erkrankung möglichst subkutan, danach oral übers
Trinkwasser, empfehlenswert hier eine Dosierung von 0,5
ml je kg Körpergewicht. Die Behandlungsdauer sollte
mindestens eine Woche betragen. Bilden sich vermutete
Nervenschäden in dieser Zeit nicht zurück, soll das
B-Vitamin noch weiter verabreicht werden.
Häufig
wird im Erkrankungsfall zusätzlich Cortison eingesetzt.
Da Cortison das körpereigene Immunsystem jedoch beeinträchtigt,
sollte genau abgewogen werden, ob die Cortison-Gabe
erforderlich ist, die Dosierung sollte niedrig angesetzt
werden.
Panik/Schmerzen:
Je nach Schwere der Erkrankung kann
zusätzlich die Gabe von Schmerz- und/oder
Beruhigungsmitteln erforderlich sein, da manche
Tiere panisch auf ihren Zustand reagieren und/oder
Schmerzen durch die extreme Verdrehung des Kopfes haben.
Flüssigkeit/Nieren:
Ist die Flüssigkeitsaufnahme des
Patienten nicht ausreichend, können Infusionen
verabreicht werden.
Augen:
Eine Uveitis (Infektion verschiedener
Abschnitte der Aderhaut) sollte mit einer antibiotischen
Augensalbe über 10-14 Tage behandelt werden. Zusätzlich
sollte noch lokal (im Auge) ein Cortison in entzündungshemmender
Dosis angewendet werden.
Das Anti-Parasitikum sollte zusätzlich
für den gleichen Zeitraum auch den Kontakttieren (das
beinhaltet auch Meerschweinchen und andere Nager)
verabreicht werden, um hier weiteren Erkrankungen
vorzubeugen.
Zwischenzeitlich gibt es jedoch immer
mehr Tiere, die nach Absetzen des Anti-Parasitikums
erneut Symptome aufweisen und deshalb dann für einen
deutlich längeren Zeitraum, möglicherweise sogar
lebenslänglich behandelt werden müssen. Ein Anteil
dieser Tiere entwickelt trotz weiterer Behandlung erneut
Symptome, als würde der Erreger resistent gegen die
Behandlung. In Amerika vermutet man inzwischen, dass ein
weiterer Erreger, möglicherweise Toxoplasmose, das Tier
zusätzlich infiziert. Seit 2003 laufen dort Therapieansätze
mit einer Medikamenten-Kombination von Sulfadiazin,
Pyrimethamin sowie Folin-Säure, die zumindest teilweise
erfolgreich verliefen. Sowie wir über aktuelle
Erkenntnisse verfügen, werden wir ausführlicher darüber
berichten.
Heilungsaussichten:
Je früher die gezielte Behandlung
einsetzt, desto größer sind die Erfolgsaussichten.
Nicht alle erkrankten Kaninchen sprechen auf die
Behandlung an, doch sollen ca. 50 Prozent der erkrankten
Tiere nahezu vollständig genesen. Manche Tiere behalten
jedoch lebenslang eine Kopfschiefhaltung oder Lähmungen
zurück.
Euthanasie
(Einschläfern):
Zuerst einmal ist zu sagen, dass E.
Cuniculi nicht zwangsläufig ein Todesurteil für ein
Kaninchen sein muss.
Die Krankheit ist zu behandeln und die erkrankten
Kaninchen lernen in der Regel sehr schnell, mit ihren
Behinderungen zu leben. Ganz wichtig ist, dass die
erkrankten Tiere in der Regel keine Schmerzen haben,
viele Tiere aber haben einen ausgeprägten Überlebenswillen
und kämpfen selbst gegen ein starkes Erkrankungsbild
an. Hier ist aus unserer Sicht zu sagen, dass jedes
Kaninchen eine Chance haben muss. Wenn das Tier noch
frisst und wir den Lebenswillen erkennen, sollte das
Einschläfern nicht erfolgen. Hier möchten wir das
Recht auf Leben über die seelische und körperliche
Belastung des Halters stellen; auch wenn wir sehr wohl
um den Aufwand und das „Elend“ wissen, den diese
Erkrankung an den Menschen stellt.
Es gibt aber auch Fälle, wo die
Behandlung nicht anschlägt, das Kaninchen nicht frisst
und wir ein „Aufgeben“ - ein Erlöschen des
Lebenswillen erkennen müssen. Wer seinen lieben Weggefährten
gut kennt, wird den Zeitpunkt spüren, wenn das Leben
nur noch eine Qual ist. Dann wäre es Zeit für die Erlösung.

Ohreninfekte
Eine Ohreninfektion kann ebenfalls einen Schiefhals
verursachen. Die Infektion betrifft
meist zunächst das Mittelohr, wo es zu einer eitrigen
Entzündung kommt. Greift die Infektion dann auf das
Innenohr über, ist das Gleichgewichtsorgan betroffen,
bei dessen Befall es zu der typischen Kopfschräghaltung,
extremen Gleichgewichtsstörungen und Überschlägen
kommt.
Anamnese und Diagnostik:
Sind
Innen- oder Mittelohr betroffen, lässt sich eine
Diagnose nur über eine Röntgenaufnahme und
Blutuntersuchung stellen. Hierbei sind in der Regel
Verschattungen der betroffenen Bulla tympanica
erkennbar, das Blutbild weist eine Leukozytose (Erhöhung
der weißen Blutkörperchen = Leukozyten im Blut) auf.
Diese Erkrankung wird in der Regel, wie die meisten
Infekte, von
einem gestörten Allgemeinbefinden und schlechtem
Appetit bzw. Nahrungsverweigerung begleitet.
Behandlung:
Antibiotika
wie Tetracyclin, Chloramphenicol oder Benzylpenicilline,
zusätzlich kann noch eine lokale Behandlung mittels
Ohren- oder Augentropfen (ins Ohr) erfolgen. Auch hier können,
in Abhängigkeit vom Allgemeinzustand, Infusionen oder
Zwangsernährung erforderlich sein. Die Gabe von
B-Vitaminen hat sich ebenfalls gut bewährt.
Heilungsaussichten:
Entzündungen
des Mittel- oder Innenohres sind oft langwierig, eine
Besserung des Zustandes abhängig von der Wirksamkeit
des Antibiotikums auf die Erreger.

Pasteurelleninfekt
Der
bei Kaninchen relativ oft vorkommende Kaninchenschnupfen
wird durch das Bakterium
Pasteurella
multocida
ausgelöst. Die
Symptome beginnen oft mit Erkrankungen der Atemwege, die
akut oder chronisch verlaufen. Außer Schnupfen kann die
Pasteurellose eitrige Augenentzündungen sowie Abszesse
in Haut und Unterhaut verursachen. Wird das Mittel- oder
Innenohr von den Bakterien befallen, zeigen sich die
selben Symptome wie bei den Ohreninfekten.
Anamnese und Diagnostik:
Die
Untersuchung und Betrachtung des Kaninchens liefert
meist bereits sehr deutliche Hinweise auf eine
Schnupfenerkrankung. Eine Röntgenaufnahme des Schädels
und des Thorax zeigt das Ausmaß der Erkrankung. Hier
kann eine Erregerbestimmung mittels Tupferprobe zum
Erfolg und der Wahl des richtigen Antibiotikums führen,
häufig sitzen die eigentlichen Erreger jedoch zu tief
in den Nebenhöhlen.
Behandlung:
Mit
Antibiotika wie Tetracyclin, Chloramphenicol oder
Benzylpenicilline, die in der Lage sind, die
Blut-Hirn-Schranke zu überwinden und in jedem Fall
mindestens über 7 Tage sowie 3 Tage über das Abklingen
der Symptome hinaus verabreicht werden sollten. Unterstützend
können schleimlösende Medikamente ( z.B. ACC, Sinupret)
und Inhalationen verabreicht werden, die möglicherweise
zu einer schnelleren Verbesserung des Allgemeinbefinden
beitragen. In diesem Zusammenhang können auch noch
Euphorbium-compositum-Nasentropfen (3x tägl. 1 Sprühstoss
je Nasenloch) gegeben werden. Sie beruhigen nicht nur
die Nasenschleimhaut, sondern stärken nach neuesten
Untersuchungen auch die an die Schleimhaut gebundene körpereigene
Abwehr.
Heilungsaussichten:
Es
bestehen gute Aussichten, den akuten Ausbruch zu
behandeln, der Erreger selbst bleibt verbleibt in der
Regel jedoch in Nasen- und /oder Nasennebenhöhlen.
Daher ist ein erneuter Ausbruch nicht auszuschließen.
Parasiten
Durch Befall mit Ohrmilben (Psoroptes
cuniculi) wird Ohrräude verursacht. Hier zeigt sich
starker Juckreiz sowie Borkenbildung in der Ohrmuschel.
Durch die Ansteckung mit Bakterien bildet sich
eine eitrige Entzündung, die dann auf das Mittel- oder
Innenohr übergreifen kann. Die Symptome sind wie bei
Ohreninfekten.
Anamnese
und Diagnostik:
Unter dem Mikroskop lassen sich
Milben im Borkenbelag gut nachweisen.
Behandlung:
Wie bei Ohreninfekten, jedoch zusätzlich
muss eine Behandlung gegen Milben mit einem
Anti-Parasitikum erfolgen. Hierbei hat sich eine
Kombinationsbehandlung aus einem lokal ins Ohr
applizierten Mittel (z.B. Jakutin) und einem äußerlich
angewandten Ivermectin (z.B. Ivomec) oder Selamectin
(z.B. Stronghold) bewährt.
Heilungsaussichten:
Sofern die Parasiten noch keine
bleibenden Schäden im Ohr verursacht haben und die Entzündung
komplett abheilt, sind die Heilungschancen als
gut anzusehen.

Schlaganfall
Eine weitere Ursache für den Schiefhals kann ein Schlaganfall
sein.
An Symptomen wird von Apathie, einseitigen Lähmungen,
plötzlich auftretende Blind- und/oder Taubheit und
Gleichgewichtsstörungen berichtet. Gesicherte
Informationen zu diesem Krankheitsbild liegen uns nicht
vor.
Diagnostik:
Schwierig,
vermutlich nur anhand von Indizien (Alter, etc.) möglich
Behandlung:
Kortison,
weitere Maßnahmen unbekannt
Heilungsaussichten:
Es
wird von guten Heilungsaussichten berichtet, jedoch können
Störungen im zentralen Nervensystem zurückbleiben.
Weitere Ursachen für
die Erkrankung an Schiefhals können auch ein Tumor oder
Abszeß im Gehirn sein.
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